HFF-Studierende und –Alumnae* gewinnen in vier Kategorien / Preise für besten Dokumentarfilm, bestes Drehbuch, besten abendfüllenden Spielfilm und Michael Ballhaus Preis / FIRST STEPS Awards werden seit 2000 an Abschlussfilme von Studierenden im deutschsprachigen Raum vergeben
München, 6. Oktober 2026 – Studierende und Alumnae der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München haben gestern Abend in vier Kategorien bei den FIRST STEPS Awards in Berlin gewonnen. Daniela Magnani Hüller hat mit ihrem Film WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT den Preis in der Kategorie Dokumentarfilm erhalten. Lea Dähne gewinnt den Michael Ballhaus Preis für ihre Kameraarbeit in RUN ME WILD (Regie: Catharina Lott). Für das Drehbuch BLAUE STUNDE erhält Celina Rehr den First Steps Award in der Kategorie Drehbuch. Und Kilian Armando Friedrich gewinnt in der Kategorie Abendfüllender Spielfilm mit seinem Film ICH VERSTEHE IHREN UNMUT.
Kategorie Beste Regie Abendfüllender Spielfilm:
Kilian Armando Friedrich für ICH VERSTEHE IHREN UNMUT | Abschlussfilm
HFF-Team (Studierende und Alumnae): Kilian Armando Friedrich (Regie, Drehbuch, Schnitt), Tünde Sautier, Daniel Kunz (beide Drehbuch), Frederik Seeberger, Louis Dickhaut (beide Kamera), Leila Fatima Keita (Schnitt), Katharina Langemeyer, Cosima Forchheimer (Produktionsleitung), Ben Ulrich, Simon Bogocz, Felix Mann (Produktion mit WennDann Film)
Synopsis: Die 59-jährige Heike arbeitet als Objektleitung in einer Reinigungsfirma, in der sie täglich Kunden, ihre Mitarbeitenden und ihren Chef zufriedenstellen muss. Als ein mächtiger Subunternehmer ihr damit droht, seine Unterstützung zurückzuziehen, steht Heike vor einer schweren Entscheidung. Mit zunehmendem Druck muss sie entscheiden, wie weit sie bereit ist zu gehen, um die Anforderungen eines kostenorientierten Markts auf einer zwischenmenschlichen Ebene durchzusetzen.
Jurybegründung: Das Debüt ICH VERSTEHE IHREN UNMUT unter der Regie von Kilian Friedrich macht den Druck prekärer Arbeitsbedingungen mit außergewöhnlicher filmischer Genauigkeit erfahrbar.
Von der ersten Sekunde an sind wir an der Seite der Protagonistin Heike. Eine großartige Sabine Thalau. Sie hastet durch die Gänge eines Einkaufszentrums, delegiert, vermittelt, schleppt, löst Konflikte, fängt Ausfälle auf – immer in Bewegung, immer einen Schritt hinter dem nächsten Problem. Der Film entwickelt daraus einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Die Kamera bleibt ihr unerbittlich nah. Sie übernimmt ihren Rhythmus, ihren Atem, ihren permanenten Alarmzustand. Wir kommen kaum hinterher, unser Körper gerät in denselben Takt wie der ihre. So wird die Belastung, unter der diese Frau arbeitet, für uns unmittelbar körperlich erfahrbar.
Dabei erzählt der Film weit mehr als die Geschichte einer Einzelnen. Er richtet den Blick auf jene Menschen, deren Arbeit den Alltag für andere aufrechterhält. Menschen, die meist unsichtbar bleiben. Ohne Anklage und ohne Pathos werden die Mechanismen einer Arbeitswelt offengelegt, in der Überforderung längst zur Normalität geworden ist.
Kilian Friedrich überträgt seine dokumentarische Erfahrung mit großer Selbstverständlichkeit ins Fiktionale. Roh, präzise und frei von Sozialkitsch erzählt er von einer Lebensrealität, die nur selten mit solcher Genauigkeit ihren Weg ins Kino findet. Die Entscheidung, mit Laiendarstellerinnen und Laiendarstellern zu arbeiten, verleiht jeder Szene eine Wahrhaftigkeit, die lange nachwirkt.
Die Jury würdigt ein beeindruckend sicheres Langfilmdebüt mit einer eigenständigen filmischen Handschrift, das den Menschen hinter einer oft übersehenen Arbeit eine eindringliche filmische Form gibt.
Der FIRST STEPS Award in der Kategorie Abendfüllender Spielfilm ist dotiert mit 20.000 Euro.
Kategorie Beste Regie Dokumentarfilm:
Daniela Magnani Hüller für WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT | Abschlussfilm
HFF-Team (Studierende und Alumnae): Daniela Magnani Hüller (Regie, Drehbuch), Noah Böhm (Kamera)
Synopsis: Vierzehn Jahre nachdem sie den versuchten Femizid eines Mitschülers überlebt hat, kehrt eine Filmemacherin zu den wichtigsten Momenten und Menschen von damals zurück. Es sind Erinnerungen voller Wärme und Zuversicht und zugleich voller Kälte und Brutalität. In einer fragmentarischen, selbstreflexiven Erzählform nähert sich die Regisseurin dem Erlebten erneut an. In Gesprächen mit einer Lehrerin, einer ehemaligen Mitschülerin, einem Arzt, einem Staatsanwalt, einer Kommissarin, der Halbschwester und einer Freundin sucht sie nach Erinnerungen an die damaligen Situationen – und für sich nach Antworten auf die Fragen, die sie all die Jahre begleitet haben.
Jurybegründung: Als 16-jährige Schülerin überlebte Daniela Magnani Hüller einen versuchten Femizid durch einen Mitschüler, dessen Tat sich lange zuvor angekündigt hatte. Vierzehn Jahre später kehrt sie als Filmemacherin zu ihrer Geschichte zurück.
Doch es entsteht keine klassische Rekonstruktion der Tat, sondern ein behutsames Nachspüren. Der Film fragt nach Empfindsamkeit und danach, wie wir Gefahren erkennen und einander schützen können. Ohne Schuld zuzuweisen, legt er Strukturen offen, in denen Warnzeichen übersehen werden und Verantwortung verloren geht. Als Daniela Magnani Hüller während der Dreharbeiten erneut bedroht wird, wird deutlich, wie gegenwärtig diese Schutzlosigkeit ist.
Dafür findet sie eine präzise filmische Form. Die Kamera hält Abstand, die Räume bleiben weit, die Regisseurin ist fast nie im Bild. Der Film lässt Leerstellen und Widersprüche zu und folgt den Brüchen der Erinnerung. Er erzählt von einer ungeheuren Gewalterfahrung, ohne Daniela Magnani Hüller darauf zu reduzieren. Sie setzt sich ihrer Geschichte aus und verwandelt sie mit großer Klarheit in etwas, das über sie hinausweist. Sie nimmt sich aus dem Bild, damit das Bild größer werden kann. Diese mutige Selbstermächtigung hat uns als Jury tief beeindruckt.
WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT ist zärtlich, ohne die Gewalt kleiner zu machen, und politisch, ohne seine Figuren zu Thesen zu machen. Der Film ist ein Plädoyer für eine Empfindsamkeit, die genauer hinsieht und uns befähigt, einander zu schützen. Für diesen persönlichen, politischen und formal eigenwilligen Film zeichnen wir WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT von Daniela Magnani Hüller mit dem FIRST STEPS Award aus.
Der FIRST STEPS Award in der Kategorie Dokumentarfilm ist dotiert mit 15.000 Euro.
Kategorie Bestes Drehbuch:
Celina Rehr für BLAUE STUNDE
Synopsis: Der lang ersehnte Familienurlaub wird für die elfjährige Luisa zu einer Albtraumreise, als eine Autopanne sie auf einem Campingplatz festhält. Diese Zwangspause verstärkt die ohnehin angespannten Eheprobleme der Eltern und Luisas Mutter versinkt immer tiefer in ihrer Alkoholsucht. Während Luisa verzweifelt versucht, zwischen den elterlichen Streits, der Verantwortung für ihre Mutter und ihrer eigenen Sehnsucht nach Freiheit noch schöne Momente zu schaffen, wird eines klar: Neue Familienerinnerungen wird es nicht mehr geben.
Jurybegründung: Es gibt Geschichten, die ihre Wucht gerade daraus ziehen, dass sie nicht laut werden. Das ausgezeichnete Drehbuch verweist auf ein Kino, das dann am stärksten von den großen Erschütterungen erzählt, wenn es bei den kleinen Beobachtungen bleibt: bei der Hitze eines Sommertags, beim Kitzeln der Sonnenstrahlen auf der Nase, beim Klang des Wortes „Schnapsdrossel“, bei einem Kind, das längst gelernt hat, mehr zu verstehen, als es verstehen sollte.
Celina Rehr erzählt in BLAUE STUNDE von der elfjährigen Luisa, die mit ihren Eltern einen Sommerurlaub auf einem französischen Campingplatz verbringt. Ein Transit-Moment zwischen Freiheit, Urlaubsflirt und Erwachsenwerden. Sukzessive wird jedoch die Hoffnung auf Leichtigkeit und sommerliches Glück von der schweren Alkoholkrankheit ihrer Mutter überschattet. Luisa hat trotz ihres Alters gelernt damit umzugehen, sich zu sorgen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe sein sollte. Hier aber, unter der französischen Sonne, implodiert das bisher verschwiegene Offensichtliche.
Die Sensibilität der Autorin Celina Rehr liegt darin, das Unsagbare und Dramatische dieser Geschichte nicht aus der Perspektive der Erwachsenen zu erzählen, sondern aus den zarten Blickwinkeln und Beobachtungen eines jungen Mädchens, das die Sprache für das Erlebte erst allmählich findet. Luisa ist konfrontiert mit der Fehlbarkeit vermeintlich Erziehungsberechtigter, mit den eigenen Enttäuschungen und parallel existierenden Begehrensformen.
BLAUE STUNDE erzählt auf beeindruckend klare und dramaturgisch versierte Art von einer Jugend, die geprägt ist von der Widersprüchlichkeit familiärer Nähe und der Notwendigkeit, sich eigene Freiheit zu erkämpfen.
Der FIRST STEPS Award in der Kategorie Drehbuch ist dotiert mit 7.000 Euro.
Kategorie Michael Ballhaus Preis:
Lea Dähne für RUN ME WILD
HFF-Team (Studierende und Alumnae): Catharina Lott (Regie, Schnitt), Lea Dähne (Kamera), Jonas Riedinger (Schnitt), Marius Beck (Produktion mit Apollonia Film)
Synopsis: Toni spricht nicht über ihre Vergangenheit. Sie stemmt lieber Gewichte, bis die Hände zittern oder lenkt sich mit Arbeit in der Gärtnerei ihrer Eltern ab. Als Toni die abenteuerlustige Anna kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden mehr als Freundschaft. Während sich Toni vorsichtig auf Anna einlässt, macht ein Gerücht die Runde: Ein Tiger streunt in der Gegend herum – und niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht.
Jurybegründung: Vom ersten Kader an zieht uns die Bildsprache des Films in ihren Bann und schafft etwas sehr Schwieriges: expressiv zu sein, und gleichzeitig unaufdringlich und mit einer scheinbaren Leichtigkeit gemacht, als müsste jedes Element genauso sein.
Der stilsichere Umgang, eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten zu einer stringenten, poetischen Welt zu formen, die uns emotional und beinahe haptisch berührt, hat uns sehr beeindruckt.
Die Preisträgerin beweist großes Gespür für klares perspektivisches Erzählen, den pointierten Einsatz von Nahaufnahmen, für Raum und Bewegung, und nicht zuletzt ein beeindruckendes Gefühl für Licht und Farben. Wir sind sehr gespannt auf ihren weiteren Weg und freuen uns sehr den Michael Ballhaus Preis 2026 an Lea Dähne für RUN ME WILD zu vergeben.
Der Michael Ballhaus Preis ist dotiert mit 7.000 Euro.
Über den FIRST STEPS Award:
FIRST STEPS wurde 1999 als private Initiative der Filmwirtschaft von den Produzenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann ins Leben gerufen und gilt als renommiertester Preis für Abschlussfilme aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Über Nominierung und Auszeichnung in zehn Kategorien entscheiden fünf Jurys, die aus Expertinnen und etablierten Filmschaffenden verschiedener Gewerke zusammengesetzt sind.
FIRST STEPS basiert auf einem Veranstaltermodell: Zehn der größten und namhaftesten Medienunternehmen, ARD, BetaBerlin Productions, Constantin Film, Netflix, Prime Video, Seven.One Entertainment Group, Studio Hamburg, UFA und Warner Bros. Discovery, bilden unter dem Dach der Deutschen Filmakademie die finanziellen und kreativen Säulen.
FIRST STEPS ist nicht nur ein Preis, sondern Programm. Im Umfeld der Preisverleihung bieten wir den Nominierten ein thematisch wechselndes Rahmenprogramm, bei dem die Begegnung und Vernetzung mit ausgewählten Branchengästen im Vordergrund steht.
(Text Website Veranstalterinnen)
*Aufgrund einer für die Hochschule bindenden Vorgabe durch die allgemeine Geschäftsordnung für den Freistaat Bayern vom 01.04.2024 dürfen sämtliche Personen- und Funktionsbezeichnungen ausschließlich in der weiblichen und/oder männlichen Form aufgeführt werden. Mehrgeschlechtliche Schreibweisen sind unzulässig. Selbstverständlich sind Personen aller geschlechtlicher Identitäten ausdrücklich mit angesprochen.